Moin allerseits!
Seit einiger Zeit halten meine Ausbilder und ich nun Van Nelle Packungen in der Hand, auf denen Short Stories abgedruckt sind. Diese wollen wir euch nicht vorenthalten, und ich hoffe, dass hier fleißig mitgesammelt wird und evtl. alle Geschichten zusammen bekommen (wenn denn überhaupt wer weiß wie viele verschiedene es gibt)… Ich mach dann gleich mal den Anfang und schreibe die erste Geschichte als Kommentar…
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ALEX
“Früher”, sagt Jonas, während wir über den Alexanderplatz laufen, “sassen hier noch überall Punks und haben gebettelt. Da hiess es: Haste Mal ‘ne Mark?” Wir setzen uns unter die Weltzeituhr, Jonas greift nach dem Tabak und dreht, dann reicht er mir die Packung. Als ich fertig bin, stehen plötzlich zwei Politessen vor uns. Eine beugt sich vor und fragt: “Hallo Jungs, habt ihr vielleicht Papers?” Ich ziehe zwei Blatt hervor, beide Politessen setzen sich zu uns. Jonas beugt sich zu mir rüber und flüstert: “Ich liebe das 21. Jahrhundert.”
KÖNIG
Wenn sie mich dabei erwischt, gibt’s Ärger. Die Tabakkrümel auf dem Laken! Ihr Bett ist ihr Königreich, sagt sie. “Na, dann ist doch alles ganz einfach”, sage ich: “Zu jedem Königreich gehört ein König. Und der bestimmt, wie’s läuft.” Ich steck’ mir eine an. Sie, nicht faul, tritt mich aus dem Bett. Ich verzieh mich auf’s Sofa, soll sie doch allein regieren. Bin eh gegen die Monarchie.
GUTER TRICK
Sie verbindet mir die Augen mit ihrem Halstuch. “Ich schlage dich blind beim Drehen”, sage ich. Wenig später halte ich ihr das fertige Ding hin. “Nicht schlecht”, sagt sie, “acht Sekunden, jetzt ich!” Ich knote ihr das Tuch über die Augen. Doch bevor sie loslegen kann, drück’ ich ihr einen Kuss auf den Mund. Drei Sekunden! Die Cigarette hat sie erst viel später fertig gedreht.
SAUBERMANN
Was will der denn hier? Ich lege ihm die Hand auf die Schulter. “Das ist eine private Party”, sage ich höflich. Er dreht sich um: “Hey, erkennst du mich nicht?” Oh weia. “Was ist denn aus dir geworden, Frank?”, frage ich fassungslos. “Private Equity”, sagt er. Der Mann war mal ein Rocker! “Rauchst du noch?”, frage ich. Er nickt. “Zeig mal deinen Tabak”, sage ich. Er zieht ein Päckchen Van Nelle aus der Tasche. Na, wenn das so ist, ist der Mann noch nicht ganz verloren.
DRAUFGÄNGER
“Lass uns gehen”, sagt er irgendwann. Ich bringe ihn also in meine Wohnung; er inspiziert die Räume.
Als ich mit dem Bier komme, sitzt er schon auf meinem Bett und hat sein Tabakpäckchen auf den Knien. “Auch eine?”, fragt er. “Klar”, sage ich und stelle die Flaschen ab. “Auf die davor kommt’s viel mehr an”, grinst er und reicht mir die Cigarette. Er hat ja recht. Aber die danach war auch super.
GLÜCKSGRIFF
Ich und Dating-Foren? Pah. Da chattest du ewig lange mit jemandem, der klingt wie vom Himmel gefallen für dich, flotter Humor, alles bestens.
Dann stehst du ihm irgendwann gegenüber und denkst nur, Mann, du wärst besser virtuell geblieben. Aber Schnee von gestern! Bin jetzt mit Van Nelle zusammen. So nannte er sich online, und so ist er auch in echt: Einfach ein guter Typ.
PAPIER
“Hast du Papers?”, fragt der Kerl neben dem DJ-Pult. Blöde Anmache, denk ich mir, aber unter Tabakdrehern ist man halt solidarisch.
Grinsend gibt er mir die Papers zurück.
Hat er doch tatsächlich seine Telefonnummer auf’s Blättchen gekritzelt. “Den kannst in der Pfeife rauchen, Conny”, grinst mich Karin an.
Recht hat sie. Ich zieh das Paper und dreh’ mir eine.
OPEN AIR
“Hi!”, sagt sie. Glaub’ ich jedenfalls. Ich steht an den Boxen, seh nur, wie sich ihr Mund bewegt. Bei gefühlten 8000 Watt is’ nix mit Konversation. Die Band reisst gerade den Sound nochmal hoch, Bässe wummern über die Wiese, sie redet immer noch, aber ich hör’ nur die Musik. Kein Handlungsbedarf. Oder doch? Wetten , die Hübsche will sich eine drehen? Ich zieh mein Päckchen Van Nelle aus der Tasche. Volltreffer! Um Frauen zu verstehen, braucht’s manchmal keine Worte.
BÖSE JUNGS
Der Grosse lehnt auf meiner Motorhaube. “Runter”, sag ich. “Bin noch nicht fertig”, brummt er. Ich steig ein ud lasse den Motor an. Jetzt rutscht er runter, in Zeitlupe. Stellt sich breitbeinig vor mein Auto. Was will er denn noch? Er zündet sich die Cigarette an. Dann nimmt er sein Tabakpäckchen und wischt damit sorgfältig die Krümel von meiner Motorhaube. Zwinkert mir zu. Die bösen Jungs sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.
FEUERZEUGE WOLLEN WANDERN
Vielleicht gibt es ein Universum der verlorenen Dinge oder einen Feuerzeugfriedhof? Fest steht: Ich mache etwas falsch. Schon möglich, dass ihnen das ständige Flaschenöffnen nicht gefiel. Ich hätte netter zu ihnen sein sollen. Schliesslich mussten die armen Neandertaler noch wie verrückt zwei Stöckchen aneinander-reiben, um Feuer zu machen. So viel Aufwand für eine Cigarette. Also liebe Ex-Feuerzeuge, falls ihr das lest: Bitte kommt zurück.
SOMMERREGEN
Ich rette mich neben den Mann unters Dach des Tabakladens. “Giesst ja plötzlich aus allen Rohren”, brummt er zur Begrüssung. Ich taste nach meinem Päckchen: Mist, fast leer und nasse Hände habe ich auch. Er sieht mir kurz zu. Dann ruft er in den Laden: “Manfred, bringst du mal ein Feuerzeug raus. Und ein neues Päckchen Van Nelle. Und ein Handtuch!” Ich zieh die Augenbraue hoch. “Schlechtwetterservice für unsere Selbstdreher”, grinst er.
EIN UNGESCHRIEBENES GESETZ
Ganz gleich, in welcher Pizzeria man bestellt, die Nummer drei ist immer Tomaten, Käse, Salami. Das macht die Sache einfach, wenn ich mal nicht bei Cinimo esse. Eines bleibt auch immer gleich. Die Selbstgedrehte danach – für mich auch ein ungeschriebenes Gesetz.
NOTIZ 11:07 UHR
Der Typ sägt, dass die Zeltwände flattern. War spät gestern. Ich versuch’ noch ‘ne Mütze Schlaf zu bekommen; keine Chance. Verflixt, wie krieg’ ich den Kerl ruhig? Ich taste nach meinen Sachen, bekomme den Van Nelle zu fassen, noch voll. Gutes Wurfobjekt! Zack, hat der Schnarcher das Päckchen am Kopf. “Ey!!”, brummt er, dreht sich auf die Seite. Himmlische Ruhe im Zelt! Blöd nur, dass ich jetzt glockenwach bin. Und um den Tabak für meine Morgencigarette zurückzukriegen, muss ich über die ganzen Jungs drüberkraxeln. Dumm gelaufen.
NOTIZ 18:38 Uhr
Die Würstchen auf dem Grill brutzeln vor sich hin. Sonne. Ich liege mit meiner Clique auf der Wiese und beobachte die Leute. Perfekter Tag. Irgendwo bellt ein Hund, ein anderer antwortet von weitem. Ein paar Freaks in der Nähe packen ihre Trommeln aus, eine hübsche Frau cremt sich die Schultern ein. Die Jogger joggen, wie immer. Mein Kumpel folgt meinem Blick, reicht mir eine Van Nelle rüber. “Muss nicht sein, oder?”, grinst er, hält mir Feuer hin. Ich ziehe genüsslich: “Du sagst es, Mann.” Ich puste einen Rauchring in den Himmel und sehe zu, wie er langsam die Form verliert. So wie ich. Na und?
NOTIZ 11:30 Uhr
Der schönste Ort der Welt? Einer, an dem man sorglos und ohne viel zu denken am Strand liegt, Sonne tankt und genüsslich die Musik hört, die einem zu Hause zu klitschig wäre. Dort, wo niemand schon morgens um fünf den Liegestuhl reserviert und wo es keine deutschen Schnitzel mit Jägersosse gibt. Und vor allem, wo keine unterbezahlten Animatoren künstlich gute Laune verbreiten. Die mach’ ich mit meinen Freunden schon ganz alleine. Wenn dann noch ein leichter Wind unsere Gesichter kühlt und unsere Rauchringe in den Himmel trägt…
NOTIZ 01:09 Uhr
Die eine zuckt zurück, als wär’ mein Oldtimer verseucht. Wir warten geduldig. Soll uns keiner nachsagen, wir wären Chauvis. “Wie alt ist der denn?”, fragt die zweite. “Mindestens so alt wie du”, antworte ich, “steig ein!” Die Damen sehen sich an, zögern: “Ihr seid ja okay, aber die Karre…” Auf der Rückbank fangen die Jungs an zu murren. Ich werf’ den Van Nelle nach hinten, damit gewinne ich ein paar Minuten Zeit. “Was ist jetzt”, frage ich die beiden, “gute Gesellschaft oder gute Nacht?” Die beiden winken ab: “Gute Nacht!” Tja, man kann nicht immer…
NOTIZ 22:05 Uhr
Was ich mir wünsche? Einen Geistesblitz, wann immer ich einen brauche. Einen Doppelgänger, der ärgerliche Termine für mich erledigt. Einen Professor, der immer Zeit für Fragen hat. Getränkekisten, die fliegen können, besonders die vollen. Ein Fahrrad, das seine Platten selbst repariert. Ein Kino, in dem man rauchen darf. Den richtigen Satz im richtigen Moment parat haben. Ein Bankkonto, das sich selbst auffüllt und mich mit Plus oder Minus in Ruhe lässt. Und eine gut gedrehte Van Nelle, jetzt sofort. Das Einzige, was ohne Zauberei funktioniert…
NOTIZ 17:49 Uhr
Da haben sich zwei mächtig in der Wolle auf der Wiese, rings herum ein Haufen Leute. Näher kommend, bemerke ich, dass es zwei Frauen sind, die sich da rumbalgen. “Worum geht’s?”, erkundige ich mich bei einem Typen. “Keine Ahnung”, sagt der und dreht sich in aller Seelenruhe eine Van Nelle, “aber du kannst ja mal fragen.” Plötzlich kommt der Security-Mensch gerannt, brüllt, aufhören, sofort, sonst können alle ihre Zelte packen! “So ein Depp”, brummt er Typ. “Warum?”, frage ich. “Hab gewettet, dass die Schwarzhaarige gewinnt”, sagt er. Die spinnen hier auf dem Festival. Aber die Bräute ganz besonders.
NOTIZ 14:16 Uhr
Ich dreh mir gerade eine, als mein Chef zur Tür reinkommt. Der Mann hat wohl ein Managerhandbuch zu viel gelesen, denke ich – wenn er sich noch mehr aufbläst, bleibt er im Türrahmen stecken. “Programmübersicht raus?”, fragt er. “Längst.”, “Statistik?”, “Yep.”. “Termine aktualisiert?”, “Yep.”, “Cigarette?” Ich brauche eine Sekunde, um zu reagieren. Dann schiebe ich ihm wortlos das Päckchen über den Tisch. “Oh, Van Nelle”, sagt er überrascht- “Hab ich als Student auch geraucht.” Ich sehe ihn an: “Sie meinen, als Sie noch in ganzen Sätzen gesprochen haben…?”
NOTIZ 12:24 Uhr
Du bist da, wenn ich mir ‘ne Pause gönne, besonders wenn die Hektik nachlässt. Je nach Stimmung bist du mal stark, mal schwach, gibst aber immer dein Bestes. Ich mag, wie du riechst, nach allem Möglichen, würzig, gehaltvoll, einfach super. Mit dir zusammen bringt mich nichts aus der Ruhe, im Ernst, du holst mich immer wieder auf den Teppich, wenn’s mal hart auf hart… Autsch! “Was hängst du da ewig über deinem Tabak, meditierst du, oder was?”, fragt mein Kumpel und kickt mich gleich noch mal. “Mach hin, ich will mir auch eine drehen.”
NOTIZ 04:15 Uhr
Wenn die Sonne aufgeht, obwohl gerade erst die Nacht angebrochen ist. Wenn die Ohren noch klingeln, obwohl die Band in ihrem klapprigen Bus längst auf dem Weg nach Hause ist. Wenn mein Taxifahrer ein Doktor der Philosophie ist. Wenn mein Hemd nach ihrem Parfüm riecht, obwohl ich sie erst ein Mal geküsst habe. Wenn in meiner Strasse morgens um vier noch Lichter brennen, weil ich nicht der Einzige bin, der die Nacht zum Tag macht. Wenn die letzte Van Nelle vor dem Schlafengehen nach Abenteuer schmeckt: Dann ist die Welt für mich in Ordnung.
NOTIZ 03:12 Uhr
Die Hübsche setzt sich neben mich auf die Stufe. “Rauchst du?”, frage ich. “Warum?”, fragt sie zurück. “Ganz einfach, das ist eine offizielle Rauchertreppe hier.” Mann, was rede ich nur für einen Stuss? Sie mustert mich. Anscheinend gefällt ihr, was sie sieht, denn sie lächelt: “Tabak alle?” Ich nicke. Sie steht auf, zieht ein Päckchen aus der hautengen Jeans: “Bedien’ dich, ist noch warm.” “Van Nelle?”, frage ich. Sie zieht die Augenbrauen hoch: “Ja, und?” “Rauchen sonst eher Typen”, sage ich. Sie schaut mich spöttisch an: “Ich bin ein Typ, Schätzchen”. Ai, ai, ai, ich glaub’, ich muss ins Bett.